IVAN ILLICH
Entschulung der Gesellschaft. Eine Streitschrift
von Ivan Illich München 1995, Eine Zitatesammlung
„Die moderne Universität hat ihre Chance verspielt, einen einfachen Rahmen für Begegnung zu bieten, die von Anarchie und Selbstverantwortung zugleich bestimmt werden, die konzentriert und doch ungeplant und impulsiv sind. Stattdessen hat sie es vorgezogen, die geschäftsmäßige Leitung des Verfahrens zu übernehmen, durch das sogenannte Forschung und Lehre produziert werden.“ (S.61)

„Wenn der Autodidakt erst mal in Verruf gebracht worden ist, wird jede nicht professionelle Tätigkeit verdächtig. ... Tatsächlich ist Lernen diejenige menschliche Tätigkeit, die am wenigsten der Manipulation durch andere bedarf. Das meiste Lernen ist nicht das Ergebnis von Unterweisung. Es ist vielmehr das Ergebnis unbehinderter Interaktion in sinnvoller Umgebung. Die meisten Menschen lernen am besten, wenn sie „dabei sind“. Trotzdem zwingt sie die Schule, ihr persönliches, kognitives Wachstum mit konzipierter Planung und Manipulation gleichzusetzen. Hat jemand erst akzeptiert, dass Schule nötig ist, so fällt er leicht anderen Institutionen anheim. Lassen junge Menschen erst einmal zu, dass ihre Phantasie durch lehrplanmäßigen Unterricht reguliert wird, so werden sie für institutionelle Planung jeglicher Art konditioniert. „Instruktion“ vernebelt den Horizont ihrer Phantasie. Sie können nicht verraten, sondern nur übers Ohr gehauen werden, weil man ihnen beigebracht hat, Hoffnung durch Erwartungen zu ersetzen.“ (S.65)

„In Schulen und Universitäten werden die meisten Mittel darauf verwendet, die Zeit und die Motivation einer begrenzten Zahl von Leuten zu kaufen, um sie vorab festgelegt Probleme in einem rituell bestimmten Rahmen aufgreifen zu lassen. Die radikalste Alternative zur Schule wäre ein Netzwerk oder ein Service, der jedermann die gleiche Gelegenheit bietet seine jeweiligen Anliegen mit anderen zu teilen , welche dieselben Anliegen haben.“ (S.40)

„Menschen aber, die sich für die Bewertung ihres persönlichen Wachstums dem Maßstab anderer unterwerfen, legen diesen Zollstock bald auch bei sich selbst an. Sie brauchen nicht mehr an ihren Platz verwiesen zu werden, sondern stecken sich selbst durch die vorgesehenen Schlitze, quetschen sich in die Ecken, die aufzusuchen man sie gelehrt hat, und verweisen dabei zugleich ihre Kameraden an deren Plätze, bis alles und jedermann „passt“.
Menschen, die auf das richtige Maß heruntergeschult worden sind, gehen unkalkulierbaren Erlebnissen aus dem Weg. Für sie wird, was sich nicht messen lässt, zweitrangig und bedrohlich. Sie brauchen ihrer schöpferischen Kraft nicht mehr beraubt werden. Durch programmierte Unterweisung haben sie verlernt, das Ihrige zu „tun“ oder sie selbst zu „sein“. Sie schätzen nur noch, was „gemacht“ worden ist oder gemacht werden könnte.
Ist jedoch den Menschen erst einmal die Vorstellung eingeimpft worden, dass man Werte produzieren und messen kann, so sind sie geneigt, alle möglichen Rangordnungen zu akzeptieren.“ (S.66/67)

„Die Entschulung der Gesellschaft wäre nichts Geringeres als ein Kulturwandel, durch den ein Volk sich den effektiven Gebrauch seiner Verfassungsfreiheit wieder aneignet: Vor allem der Freiheit, zu lernen und zu lehren - von Menschen, die wissen, dass sie frei geboren sind und keiner Therapie zur Nutzung dieser Freiheit bedürfen. Die meisten Menschen lernen dann am meisten, wenn sie tun, was ihnen Freude macht; die meisten Menschen sind neugierig und bestrebt, in allen ihren Erfahrungen einen Sinn zu erkennen; und die meisten Menschen sind fähig zu persönlichem, direktem Verkehr mit anderen, solange sie nicht durch eine inhumane Arbeit abgestumpft oder durch Verschulung verblödet sind.“ (S.177)

„Das Ergebnis der Curriculum-Produktion sieht wie jede andere moderne Stapelware aus. Es ist ein Bündel von geplanten Zielen, ein Paket mit Werten, eine Ware, deren „ausgewogener Anreiz“ ihren Absatz an eine ausreichend große Zahl von Leuten garantieren soll, um die Produktionskosten zu rechtfertigen. Die Verbraucher-Schüler lehrt man, ihre Wünsche den marktfähigen Werten anzupassen. Auf diese Weise erreicht man, dass sie sich schuldig fühlen, sobald sie nicht entsprechend der Voraussage der Verbraucherforschung verhalten, nach der es ihnen vorherbestimmt ist, durch den Erwerb von Graden und Zeugnissen in diejenige Berufsklasse zu gelangen, die zu erwarten man sie gelehrt hat.“ (S.67,68)

„Ein gutes Bildungswesen sollte drei Zwecken dienen: Es sollte allen, die lernen wollen, zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens Zugang zu vorhandenen Möglichkeiten gewähren; es sollte alle die ihr Wissen mit anderen teilen wollen, ermächtigen diejenigen zu finden, die von ihnen lernen wollen schließlich sollte es allen, die der Öffentlichkeit ein Problem vorlegen wollen, Gelegenheit verschaffen, ihre Sache vorzutragen. Ein solches System würde die Anwendung verfassungsmäßiger Garantien auf das Bildungswesen erfordern. Lernende sollten weder dazu gezwungen werden, sich einem obligatorischen Curriculum zu unterwerfen, noch sollten sie danach unterschieden werden, ob sie ein Zeugnis oder Diplom besitzen oder nicht.“ (S.109)

„Wir müssen uns einen Lebensstil schaffen, der es uns ermöglicht, spontan, unabhängig und doch aufeinander bezogen zu sein. Wir sollten nicht an einem Lebensstil festhalten, der uns lediglich gestattet, zu „machen“ und zu vernichten, zu produzieren und zu verbrauchen - ein Lebensstil, der lediglich eine Etappe auf dem Weg zur Erschöpfung und Verschmutzung der Umwelt ist. Die Zukunft hängt mehr davon ab, dass wir uns Institutionen aussuchen, die ein Leben schöpferischen Tuns fördern, als dass wir neue Ideologien und technische Verfahren entwickeln. Wir brauchen Maßstäbe, die es uns gestatten, solche Institutionen zu erkennen, die eher persönliches Wachstum als Süchtigkeit fördern...“ (S.81,82)

Ivan Illich lehrt an verschiedenen Universitäten, so u.a. an der University of Pennsylvania (USA), an der Gesamthochschule in Kassel sowie an den Universitäten von Bremen und Marburg. Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie in Florenz und der Theologie in Rom. Jahrgang 1926.

Ivan Illich
Der alternative Gelehrte
Ein berühmter Zivilisationskritiker lehrt in Bremen die Zumutungen des richtigen Lebens
VON RALF GRÖTKER (01/003)
Zivilisationskritik" ist ein irreführender Begriff. Scheinbar neutral setzt er, was er benennt, in ein falsches Licht, indem er suggeriert, dass es ein literarisches Genre oder eine akademische Disziplin dieses Namens gäbe, auf deren Gebiet Leistungen erbracht und Erfolge errungen werden. Anders als große Physiker und Biologen, Komponisten, Maler und Dichter, Sportler und Politiker gibt es jedoch keine großen Zivilisationskritiker und Kulturpessimisten. Sie widerstreben dem Vergleich mit ihresgleichen.
Ivan Illich gehört zu denen, die man als Zivilisationskritiker bezeichnen könnte. Bekannt geworden ist er mit der Gründung des "Center for Intercultural Documentation" (CIDOC), einer Alternativ-Universität in Cuernavaca, Mexiko, und später in den siebziger Jahren mit Pamphleten wie "Entschulung der Gesellschaft", "Selbstbegrenzung" oder "Nemesis der Medizin". Die französische Biografienreihe "L Arc" widmete ihm, neben Maurice Merleau-Ponty, Jacques Derrida und Simon de Beauvoir, ein eigenes Heft. In den letzten Jahren ist es still geworden um Illich. Von den Jüngeren kennt ihn kaum noch jemand, und aus den Medien hat er sich schon seit langer Zeit vollständig zurückgezogen. Seine letzte Veröffentlichung "Im Weinberg des Textes" ist eine geschichtliche Studie über die Lesekultur im Mittelalter. Die Zuwendung zur Historie und der Abschied vom Dasein eines öffentlichen Intellektuellen steht, bei näherem Hinsehen, durchaus in Kontinuität zu seinem früheren Wirken.
In Illichs Büchern, die in den siebziger und den achtziger Jahren erschienen, stehen meist die ökonomischen und sozialen Folgen von Technologien oder "Werkzeugen" im Vordergrund. "Tools for Conviviality" lautet der zweideutige Titel der englischen Ausgabe von "Selbstbegrenzung". ("Convivial" steht für eine trunkene Fröhlichkeit, "tools" für die Geschlechtswerkzeuge.) Konviviale Werkzeuge sind nach Ansicht von Illich Dinge wie Schreibmaschine, Fahrrad, Kondom und Telefon, die sich, so die These, durch eine optimale Wirkungskraft auszeichnen. Dies ist nicht bei allen "Werkzeugen" der Fall. In der Technikgeschichte von Illich gibt es sogenannte "Wasserscheiden", an welchen Werkzeuge beginnen, kontraproduktive Wirkungen hervorzubringen. Für das Transportwesen hat Illich die eindrucksvolle Rechnung aufgestellt, dass nur Fortbewegungsgeschwindigkeiten bis zum Fahrradtempo ökonomisch sinnvoll seien. Bei allen Beförderungsmitteln, ob privat oder öffentlich, die dieses Limit überschreiten, nähme der Geschwindigkeitsgewinn für den Durchschnittsreisenden nur noch ab. Denn wenn man die anteiligen Anschaffungs- und Wartungskosten in Arbeitszeit umrechnet, die Unfallrisiken als Genesungszeit und die Stau- und Umsteigezeiten einkalkuliert, so erhöhe sich die insgesamt für Fortbewegung verwendete Zeit in einem Maße, die kurzfristige Vorteile wieder zunichte macht.
Neben wirtschaftlicher Ineffizienz wirft Illich Technologien des 20. Jahrhunderts vor, soziale Ungleichheit zu erzeugen. In dem Maße nämlich, wie die Versorgung mit industriellen Massenprodukten als Grundbedürfnis begriffen werde, steige der Armutspiegel in den Gesellschaften. Der Siegeszug von Coca Cola in den Entwicklungsländern illustriert diese These. Ist die Brause erst einmal auf dem Markt, dann gilt und fühlt sich derjenige minderbemittelt, dem sie versagt bleibt. Das gilt in viel stärkerem Maße auch für das Geschäft mit professionellen Dienstleistungen. So erzeugt das westliche Erziehungssystem eine Verknappung der Ware Bildung. Die konsumtive Einstellung, die mit der "Beschulung" (Illich) einhergeht, ist nicht nur eine Form von Entmündigung, sondern auch ein Mechanismus zur Schaffung sozialer Differenzen. In der verschulten Gesellschaft weiß jeder seinen Wert danach zu bemessen, wie weit er es auf der Leiter von Schul- und Hochschulbildung gebracht hat. Gegenüber diesen Befunden empfiehlt Illich Selbstbegrenzung, eine säkulare Form von Askese, die mittels vernünftiger Beschränkung die individuelle Autonomie zu wahren sucht und politisch für mehr soziale Gleichheit sorgen soll.
"Selbstbegrenzung" war als Nachruf auf das Industriezeitalter gedacht. Die damals prophezeite Katastrophe kam jedoch nicht. Der Zusammenbruch des industriellen Systems infolge der Grenzen des Wachstums wird heute auch kaum von jemandem mehr erwartet. Auch aus Illichs neueren Schriften spricht nicht mehr die hoffnungsfrohe Stimme des sozialen Neuerers, sondern ein resignativer Fatalismus, in dessen Lichte sich eigentlich erst deutlich zeigt, wie groß die Kluft immer schon war, die ihn von nur scheinbar gleich gesinnten Dritte-Welt-Bewegungen und Ökologiegruppen und, mehr noch, von Bemühungen um die Technikfolgenabschätzung trennt. Globale Verantwortung lehnt Illich als moralische Zumutung ab, die den Bereich dessen, was in der Macht des Einzelnen steht, überschreitet.
Gerne bezeichnet Illich die Bilder und Begriffe, die von den Wissenschaften in den Alltag hinübergewandert sind, als "Fiktionen" denen er mit großer Skepsis gegenübersteht. An die Stelle der sozialen und ökonomischen, also der materiellen Auswirkungen von "Werkzeugen" sind nun zunehmend deren symbolische Wirkungen in den Vordergrund seines Interesses getreten. Ein Beispiel, welches Illich für diese Art der Einflussnahme häufig aufführt, sind die Folgen der Verbreitung des Schriftwesens im 12. und 13. Jahrhundert: Besitz wird nun durch Dokumente bestätigt; die Zahl der Eintragungen in den Eigentumsregistern steigt. Gleichzeitig wird das Buch zu einer Schlüsselmetapher. Zusammen mit der Erinnerungstechnik des Schreibens wird das Jüngste Gericht mit dem Buch des Lebens, in welchem die Verfehlungen des Gläubigen festgehalten werden, zu einem zentralen Motiv. Wie die Alphabetisierung auch die Lebenspraxis derjenigen, die selbst weder lesen noch schreiben konnten, erfasst hat, argumentiert Illich, erstreckt sich heute auch der Einfluss neuer Techniken wie die des Computers weit über deren Anwendungsbereich hinaus.
Auf dieser Linie bewegt sich auch sein Traktat "Genus", in dem er die Komplementarität der kulturell definierten Geschlechterrollen beschreibt und die Forderung nach Gleichheit der Geschlechter als eine Zumutung der industriellen Moderne zurückweist. Mit "Genus" hatte sich Illich, insbesondere unter den Feministinnen, viele Feinde gemacht.
Obwohl Verfasser zahlreicher Bücher, versteht sich Illich jedoch nicht in erster Linie als Autor. Anstatt eine umgreifende Philosophie oder Theorie neuer Technologien zu begründen, beschränkt er sich auf vereinzelte, aber gezielte Provokationen. Ein Band mit Vorträgen und öffentlichen Ansprachen aus den Jahren 1978-1990, "In the Mirror aus dem Past", zeugt von Beispielen solcher Aktivitäten. Als Gast auf einem Ökonomenkongress sprach er über die Geschichte des Abfalls, auf der Tagung einer Entropiegesellschaft über die "Entwertung" der Verrichtungen des Körpers im Zusammenhang mit der Verbreitung der Toilette. In Dallas, wo ein künstlicher See für die Innenstadt geplant war, der sich aus Klärwassern speisen sollte, redete er über die Symbolik herkömmlichen Wassers im Gegensatz zu industriell gewonnenem H2O, und als Gast bei den Lutheranern verfluchte er das biowissenschaftliche Konstrukt des Begriffsfetisch "Leben".
Den Zuhörern von Illichs Vorlesungen an der Universität Bremen, wo er seit 1991 eine Gastprofessur innehat, sind diese Themen wohlvertraut. Die meisten von ihnen kommen schon seit Jahren, jedes Wintersemester. Viele kennt Illich persönlich. Einige der Gäste sind schon längst keine Studenten mehr, sondern Geschäftsleute, Ärzte und Lehrer. Die Vorlesungen leben oft vom Charme dunkler Tiefsinnigkeit. Illich spricht mit starkem österreichischem Akzent, er trägt assoziativ und frei vor, oft stundenlang, trotz seiner Krebserkrankung, die ihm schon lange und in letzter Zeit immer mehr zu schaffen macht.
Die Vorlesungsreihen haben meist merkwürdige Titel: "Die Umstülpung der Ethik im Zeitalter des Messens"; "Der Verlust der Proportion", "Die Historizität der Sinne" und "Die Geschichte der platonischen Freundschaft im Abendland". Anstelle von Thesen erzählt er Geschichten, Anekdoten vornehmlich aus seinem eigenen Leben und der Welt des 12. Jahrhunderts. Auf viele macht er den Eindruck der Allwissenheit. Er spricht vom Mittelalter, als kenne er es aus eigenem Erleben, kann sich gewandt in vielen Sprachen ausdrücken, weiß stets die Autoren von historischen Studien zu den erörterten Themen zu zitieren und kennt sich auch im Bereich der neuesten Theorieimporte aus Amerika aus. Er besaß bereits Laptop und E-mail, als man in Bremen noch mit Maschine schrieb, ist stets irgendwo unterwegs und pflegt, wie er, sympathisch unbescheiden, nicht verhehlt, mit allen Großen des Jahrhunderts Bekanntschaft. Von Spaziergängen mit Freud, in Wien zur Kinderzeit, über Treffen mit Castro, Foucault bis zum Ehrenempfang in Gandhis Hütte in Indien reicht das Spektrum der Erzählungen.
Vor allem beeindruckt und irritiert Illich durch seinen tiefen Katholizismus. Ursprünglich hatte er den Weg zum Priesteramt eingeschlagen. In den fünfziger Jahren betreute er eine Gemeinde mit puertoricanischen Einwanderern in Manhattan, New York und wurde dann Vize-Rektor der Katholischen Universität in Ponce, Puerto Rico, wo amerikanische Priester für den Umgang mit Puertoricanern in den USA ausgebildet wurden. Dort kam er zum ersten Mal in Kontakt zur Erziehungsbürokratie. Bald wurde er zum Gegner des Engagements der amerikanischen Kirche in Lateinamerika, was ihm sogar einen Streit mit dem Papst einbrachte. Seitdem hat sich Illich zwar von der Kirche, nicht aber vom katholischen Glauben abgewendet, der ihn, inmitten zumeist weltlich gesinnter Kollegen und Studenten, mit einer etwas ungeheuren Fremdartigkeit umgibt.
Regelmäßig erscheinen ausländische Gäste zu den Vorlesungen. Abends finden in dem Haus im Bremer Ostertorviertel, das Illich zusammen mit Freunden bewohnt, regelmäßig große Spaghettiessen statt; am Wochenende trifft man sich, ob mit oder ohne Ivan (die meisten nennen ihn beim Vornamen) zu Arbeitsgruppen und manchmal zum Musizieren. Neben der Hannoveraner Soziologin Barbara Duden, Hausherrin und großzügige Gastgeberin, gehören Illichs Mitarbeiter Lee Hoinacki, der Bremer Sozialpädagogik-Professor Johannes Beck, der Historiker Ludolf Kuchenbuch und zahlreiche andere zu den Freunden und Gästen des Bremer Salons. Die Hausbibliothek beherbergt auch die Vorlesungen und Aufsätze Illichs aus den letzten Jahren. Sämtlich unveröffentlicht, liegen bereits mehrere Bände als Kopiervorlagen bereit. Auch ein Buch mit Aufsätzen der Freunde, das diese zu Illichs 65. Geburtstag in der Auflage von nur einem einzigen Exemplar drucken ließen, ist hier zu finden.
Die Unbedingtheit, mit der Illich über die sonst übliche Trennung zwischen beruflich-akademischem und privatem Leben hinweggeht ist neben der charismatischen Erscheinung seiner Person sicherlich einer der Gründe für die große Zahl und die Treue seiner Anhänger. Aber auch das provokante Sektierertum schafft einen Raum für Gemeinschaft. Die Standpunkte, die Illich bezieht, sind meist zuvor unbesetzt. Immer wieder versucht er, durch das Aufdecken von "epochenspezifischen Apriori" der Wahrnehmung zu verblüffen. Was als amüsantes Spiel beginnt, endet jedoch in kompromisslosem Ernst. Die historische Dekonstruktion sozialer Gewissheiten ist bei Illich nicht nur Methode, sondern Ausdruck einer Lebenshaltung, die sich pragmatischen Fragestellungen und Lösungsansätzen entzieht.
Wie sein Vorbild Henry Thoreau, der die Sphäre von Politik und Öffentlichkeit insgesamt als unmoralisch erklärte, insistiert er auf der Unmöglichkeit, richtige Entscheidungen in fundamental unethischen Kontexten zu treffen. So weist Illich Unternehmen wie Bioethik und genetische Beratung, die versuchen, durch technischen Fortschritt entstandene Probleme institutionell aufzufangen, gänzlich zurück.
Den steten Verweis auf die Vergangenheit, insbesondere auf das 12. Jahrhundert, will er andererseits nicht als Entwurf möglicher Existenzformen für die Gegenwart verstanden wissen. Zu sehr ist er von der Verschrottung überlieferter Sprache und Bildlichkeit durch die pseudowissenschaftlichen "Plastikwörter" unseres Jahrhunderts, wie der Germanist Uwe Pörksen sie nennt, überzeugt, als dass er die Möglichkeit des richtigen Lebens in einer alternativen Besserwelt für möglich hielte. Illichs konsequenter Historismus begegnet den Phänomenen der alltäglichen Lebenswelt, von den greifbaren Gegenständen bis zu den Gefühlen und Empfindungen, stets mit einer kenntnisreichenden und im Detail schwelgenden Abhandlung über die Geschichte. Oberflächlich betrachtet hat dieser Hang zur Historie etwas Gemütliches, Versöhnliches. Auch bei harschen Angriffen gegen einzelne Professionen oder Institutionen kommt es im Hörsaal selten zum Eklat selbst wenn deren Vertreter unter den Zuhörern sitzen. Die Entrückung von den unmittelbaren Belangen des Alltags und die stets externe Perspektive auf ihre Gegenstände nimmt der Kritik oft ihren Stachel.
Auf der anderen Seite unterscheidet sich Illichs Lehre von Unternehmen wie etwa der Kritischen Theorie, die das Heil allein in der Reflexion suchen, in ihrem Bezug auf konkrete Lebensvollzüge. Allein der Preis, den zahlen muss, wer sich auf Illichs radikale Ansinnen einlässt, ist so hoch, dass ihn fast niemand zu leisten bereit ist. Am deutlichsten wird dies für den Bereich der Gesundheit: Wer die Courage hat, sich aufwändigen Behandlungen durch Ärzte und Spezialisten zu entziehen, muss am Ende mit dem Schlimmsten rechnen. Vom historischen Studium von Krankheit und Schmerz bis zum persönlichen Verzicht auf medizinisch Mögliches ist es ein weiter Schritt. Illich hierin zu folgen, traut sich niemand.


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